«Zahnrettungsboxen sind im professionellen Umfeld fest integriert»

Dr. med. dent. Neil Stuck ist Praxisinhaber in Biel und seit mehreren Jahren Vereinszahnarzt des EHC Biel-Bienne. Im Interview gibt er einen praxisnahen Einblick in die Sportzahnmedizin im Profi-Eishockey: von typischen Verletzungsmustern über die Zusammenarbeit im medizinischen Staff bis hin zur Bedeutung von Prävention, Mundschutz und schneller Notfallversorgung.

Neil Stuck, Sie sind Vereinszahnarzt des EHC Biel-Bienne. Wie darf man sich Ihre Arbeit vorstellen – sind sie bei jedem Spiel und jedem Training dabei?

Als Vereinszahnarzt begleite ich die Mannschaft primär bei den Heimspielen und stehe für Notfälle unmittelbar zur Verfügung. Das bedeutet, dass ich grundsätzlich jederzeit erreichbar bin – auch ausserhalb der Spiele –, um bei einem Trauma rasch eine Einschätzung zu geben und die weitere Behandlung zu koordinieren.

Bei Heimspielen bin ich vor Ort in der Arena präsent. Bei Auswärtsspielen erfolgt die Betreuung in enger Abstimmung mit dem medizinischen Staff vor Ort oder mit dem jeweiligen Vereinszahnarzt des gegnerischen Clubs. Zwischen den Vereinszahnärzten besteht ein guter Austausch, sodass Verletzungen direkt übergeben und die Nachsorge am Heimatort optimal weitergeführt werden kann.
Bei Trainings bin ich nicht physisch anwesend, jedoch jederzeit erreichbar. Geplante zahnärztliche Kontrollen und Behandlungen erfolgen in meiner Praxis. Diese sind aktuell freiwillig – nicht alle Spieler nehmen regelmässig daran teil, obwohl dies aus präventiver Sicht wünschenswert wäre. Die zahnmedizinische Kontrolle ist bislang noch kein integraler Bestandteil der sportmedizinischen Vorsorge in allen Clubs.

Insgesamt ist die Betreuung eine Kombination aus akuter Notfallversorgung im Stadion und strukturierter Nachsorge im Praxisalltag – parallel zu meiner regulären Tätigkeit als niedergelassener Zahnarzt.


Wie unterscheidet sich die zahnmedizinische Betreuung eines Profi-Teams von der in einer «normalen» Praxis?

Der grösste Unterschied besteht in der Entscheidungsfindung unter Zeitdruck, insbesondere bei der Betreuung direkt im Stadion. Im Profisport muss oft innerhalb weniger Minuten entschieden werden, ob ein Spieler weiterspielen kann oder nicht.


«Es besteht eine hohe Erwartung an präventive Massnahmen, da Ausfälle nicht nur medizinische, sondern auch sportliche und wirtschaftliche Konsequenzen haben.»


Dabei gelten klare sportmedizinische Vorgaben. So ist beispielsweise in den Reglementen der National League festgelegt, dass bei aktiven Blutungen eine Spielteilnahme nicht zulässig ist.
Die Betreuung erfolgt zudem immer interdisziplinär. Die Zusammenarbeit mit Teamärzten, Physiotherapeuten, Masseuren und Trainern ist zentral, und Entscheidungen werden gemeinsam abgestimmt.

Ein weiterer Unterschied liegt in den Zielsetzungen: Es geht nicht nur um eine optimale zahnmedizinische Versorgung, sondern auch um die Frage des Return-to-Play – also wann und unter welchen Bedingungen ein Spieler wieder einsatzfähig ist.

Zusätzlich besteht eine hohe Erwartung an präventive Massnahmen, da Ausfälle nicht nur medizinische, sondern auch sportliche und wirtschaftliche Konsequenzen haben. Nicht zu vergessen in der Betreuung von Profisportlern sind die Vorgaben des Antidopings.


Welche typischen Zahn- und Mundverletzungen treten im Profi-Eishockey am häufigsten auf?

Eine Studie von Andersson 2019 zeigt, dass es im Eishockey zu einer relevanten Anzahl von Gesichtsverletzungen kommt (ca. 5 Ereignisse pro 1000 Spielstunden).
Epidemiologische Daten zeigen, dass Gesichtsverletzungen im Eishockey eine relevante Rolle spielen. So konnte Tuominen in einer Studie von 2014 zeigen, dass rund 40 % aller Verletzungen im Eishockey den Gesichtsbereich betreffen.

In der praktischen Betreuung sehe ich am häufigsten Riss-Quetschwunden im Gesichtsbereich (häufig mit Nahtversorgung), Zahnfrakturen im Ober- und Unterkiefer, Zahnluxationen und Avulsionen und gelegentlich Wurzelfrakturen.
Zu erwähnen ist, dass Verletzungen der Unterkieferfront trotz Mundschutz relativ häufig auftreten, da diese nicht eingefasst sind. Die Ursachen sind typischerweise Puckkontakt, Schlägereinwirkung oder Körperchecks.

Trotz vorhandener Schutzmassnahmen bleibt das Verletzungsrisiko im Eishockey hoch. Es könnte deutlich reduziert werden, wenn konsequent ein Vollgesichtsschutz getragen würde. In der Praxis wird dieser jedoch von vielen Spielern aus Gründen der Akzeptanz, Wahrnehmung und des Spielgefühls nicht bevorzugt.


Welche präventiven Massnahmen empfehlen Sie Spielern, um Zahnverletzungen auf dem Eis zu vermeiden?

Die effektivste Präventionsmassnahme wäre aus medizinischer Sicht ein Vollgesichtsschutz. Darüber hinaus empfehle ich individuell angepasste Mundschutzschienen, regelmässige zahnärztliche Kontrollen, die frühzeitige Sanierung von Risikozähnen und die Kontrolle von retinierten oder teilretinierten Weisheitszähnen.


«Trotz der Vorteile zeigt sich im Alltag, dass nicht alle Spieler den Mundschutz konsequent tragen. Gründe sind meist Komfort, Gewohnheit oder subjektives Spielgefühl.»


Gerade im jungen Erwachsenenalter treten häufig Probleme mit Weisheitszähnen auf (z. B. Perikoronitiden). Diese können therapeutisch relevant werden, insbesondere im Kontext von Anti-Doping-Regelwerken, da bestimmte Medikamente (z. B. topische Glukokortikoide) eingeschränkt sind.

Ein weiterer zentraler Punkt ist die Aufklärung über das Verhalten bei Zahnunfällen. Die Spieler sind instruiert, Zahnfragmente oder ausgeschlagene Zähne korrekt zu lagern (z. B. in einer Zahnrettungsbox) und umgehend Kontakt aufzunehmen. Prävention ist entscheidend, da viele Verletzungen vermeidbar oder zumindest in ihrer Schwere reduzierbar sind.


Welche Rolle spielen individuell angepasste Mundschutzschienen im Profisport – und werden sie von allen Spielern konsequent getragen?

Individuell hergestellte Mundschutzschienen gelten als Goldstandard im Profisport. Sie bieten besseren Schutz vor Zahn- und Kieferverletzungen, höheren Tragekomfort sowie verbesserte Atmung und Sprechfähigkeit. In meinem Fall werden diese Mundschutzschienen aktuell durch meine Praxis für die erste Mannschaft bereitgestellt.
Trotz dieser Vorteile zeigt sich im Alltag, dass nicht alle Spieler den Mundschutz konsequent tragen. Gründe sind meist Komfort, Gewohnheit oder subjektives Spielgefühl.

Hier besteht weiterhin Aufklärungsbedarf – und möglicherweise auch Bedarf an klareren sportlichen Vorgaben, beispielsweise in Form einer Pflicht für Mundschutz oder Vollgesichtsschutz.


Wie ist die medizinische Notfallkette bei einem Zahnunfall während eines Spiels organisiert?

Die Abläufe sind klar strukturiert und im Team etabliert. Die Erstbeurteilung erfolgt direkt am Spielfeldrand. Bei leichteren Verletzungen erfolgt die erste Einschätzung durch die Masseurin oder den Trainer. Bei schwereren Verletzungen wird unmittelbar der Mannschaftsarzt hinzugezogen und er übernimmt die Führung der Abklärung.

Als erster Schritt wird standardisiert ein sogenannter «Banden-Check-up» durchgeführt, der sich am Prinzip des SCAT6 orientiert. Ziel ist es, schwerwiegende Verletzungen, insbesondere eine Gehirnerschütterung, zuverlässig auszuschliessen.

Anschliessend erfolgen die zahnmedizinischen Sofortmassnahmen, je nach Situation umfassen diese Blutstillung, die Sicherung von Zahnfragmenten und gegebenenfalls die Replantation eines avulsierten Zahnes.


«Zahnrettungsboxen sind im professionellen Umfeld fest integriert. […] Sie ermöglichen eine optimale Lagerung ausgeschlagener Zähne und verbessern die Prognose signifikant.»


Danach erfolgt die Stabilisierung des Spielers sowie die Entscheidung bezüglich Return-to-Play. Je nach Befund gibt es zwei Wege: Weiterspielen mit anschliessender definitiver Behandlung in der Praxis oder Klinik oder direkte Zuweisung zur sofortigen Weiterbehandlung. Entscheidend ist die enge Abstimmung im medizinischen Team mit klar definierten Zuständigkeiten, um schnelle, korrekte und sichere Entscheidungen treffen zu können.


Gab es in Ihrer Laufbahn einen besonders eindrücklichen oder herausfordernden Notfall auf oder neben dem Eis?

Ein besonders eindrücklicher Fall war eine komplette Zahnavulsion während eines Trainings.
In solchen Situationen entscheidet die Zeit unmittelbar über die Prognose. Der Zahn wurde sehr rasch korrekt versorgt: direkt vom Spielfeld aufgenommen, in eine Zahnrettungsbox überführt und anschliessend ohne Verzögerung in die Praxis gebracht.
Wenn ein avulsierter Zahn innerhalb weniger Minuten korrekt gelagert und replantiert wird, bestehen gute Chancen auf Zahnerhalt. Solche Fälle verdeutlichen, wie entscheidend Vorbereitung, Schulung und funktionierende Notfallabläufe sind.


2025 lancierte Aktion Zahnfreundlich Schweiz das Projekt Zahnrettungsboxen. Kommen solche Boxen auch in der Eishalle zum Einsatz?

Ja, Zahnrettungsboxen sind im professionellen Umfeld fest integriert. Die Masseurin bzw. der Physiotherapeut hat diese in der Regel direkt zur Hand. Zusätzlich befinden sich mehrere Zahnrettungsboxen im medizinischen Notfallraum der Arena. Sie ermöglichen eine optimale Lagerung ausgeschlagener Zähne und verbessern die Prognose signifikant. Ihr Einsatz ist heute klar zu empfehlen und stellt einen wichtigen Bestandteil der Notfallausrüstung dar.


Wie gut sind Spieler, Trainer und Staff im Umgang mit Zahnunfällen geschult? Sehen Sie hier noch Verbesserungsbedarf?

Das Ausbildungsniveau ist insgesamt gut, jedoch besteht weiterhin Verbesserungspotenzial. Die meisten Beteiligten kennen die grundlegenden Massnahmen und handeln im Ernstfall sicher – insbesondere der medizinische Staff. Kritischer wird es in Situationen, in denen diese Schlüsselpersonen nicht unmittelbar vor Ort sind und Spieler selbst reagieren müssen.

Hier könnten zusätzliche Massnahmen sinnvoll sein, beispielsweiseeinfache Flowcharts in der Kabine oder im Materialraum, klare Handlungsanweisungen für Notfälle und regelmässige Schulungen.

Wichtig sind insbesondere der korrekte Umgang mit ausgeschlagenen Zähnen, die Geschwindigkeit der Reaktion sowie die richtige Lagerung (z. B. Zahnrettungsbox).


Welche Entwicklungen oder Innovationen erwarten Sie in der Sportzahnmedizin in den nächsten Jahren?

Die Sportzahnmedizin befindet sich aktuell in einer sehr dynamischen Entwicklungsphase.
Mit der Gründung der Fachgesellschaft SGSZM (Schweizerische Gesellschaft für Sportzahnmedizin) und der Etablierung eines Curriculum in diesem Bereich entstehen erstmals strukturierte Möglichkeiten zur Weiterbildung und zum fachlichen Austausch. Während der Einstieg in dieses Gebiet vor einigen Jahren noch schwierig war, besteht heute ein deutlich besseres Netzwerk unter Sportzahnärzten.


«Langfristig wird die Sportzahnmedizin eine deutlich grössere Rolle im Leistungssport einnehmen. Das Fachgebiet ist aktuell stark im Aufbruch und entwickelt sich kontinuierlich weiter.»


Zukünftig sehe ich insbesondere folgende Entwicklungen: stärkere Integration der Prävention und Risikoanalyse in den Clubs, Weiterentwicklung von Mundschutztechnologien sowie zunehmende Professionalisierung und Standardisierung der Abläufe.

Ein aktuelles Problem ist, dass bestehende Mundschutzsysteme vor allem den Oberkiefer schützen, während der Schutz der Unterkieferfront oft unzureichend ist. Hier besteht klarer Entwicklungsbedarf.

Langfristig wird die Sportzahnmedizin eine deutlich grössere Rolle im Leistungssport einnehmen. Das Fachgebiet ist aktuell stark im Aufbruch und entwickelt sich kontinuierlich weiter.


Kontakt

Dr. med. dent. Neil Stuck
Vereinszahnarzt des EHC Biel-Bienne
032 329 30 30
office@zahnarzt-biel.ch

 


 

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