Mundhygiene: Das Timing ist wichtig!

Beim Zähneputzen kommt es nicht nur auf die Technik, sondern auch auf den richtigen Zeitpunkt an. Denn manche Lebensmittel, die wir unmittelbar vor dem Putzen konsumieren, bringen unseren Zahnschmelz vorübergehend aus dem Lot, sodass man mit der Mundhygiene lieber noch wartet. Bei anderen wiederum putzt man sich die Zähne besser sofort. Prof. Dr. Ulrich P. Saxer, Experte in Sachen Dentalhygiene, verrät im Interview, wie Sie den passenden Moment finden und worauf Sie sonst noch achten sollten. Claudia Uebelmann, Geschäftsführerin Aktion Zahnfreundlich

Prof. Dr. Ulrich P. Saxer war bis März 2016 Vorstandsmitglied der Aktion Zahnfreundlich und ehemaliger Inhaber einer Dentalhygiene-Schule in Zürich. In Zürich schloss er im Jahre 1967 sein Studium als Zahnmediziner ab und liess sich zum Spezialist in Parodontologie und oraler Prävention ausbilden. In der Schweiz baute Prof. Saxer zwei Dentalhygiene-Schulen in Zürich auf und wirkte unterstützend beim Aufbau der Schulen in Genf und Bern mit.


Prof. Saxer, wodurch treten die meisten Probleme im Zusammenhang mit der Mundhygiene auf?
Prof. Dr. Ulrich P. Saxer: Den richtigen Zeitpunkt zu kennen, um sich die Zähne zu putzen. Viele Menschen überlegen sich nicht, was sie kurz vor der Zahnreinigung konsumieren. Nahrungsmittel und Getränke haben einen vielseitigen Einfluss auf die Zähne, unsere «mineralisierten Juwelen». Denn es gibt zwei Arten von Säuren, welche unsere Zähne zerstören können: Zum einen sind dies die sogenannten diätetischen Säuren, welche in Salatsaucen, Getränken oder in Müslis enthalten sind, und zum anderen gibt es Säuren, welche aus dem Verzehr von zuckerhaltigen Lebensmitteln und Getränken entstehen.

Und weshalb spielt es eine Rolle, was wir vor dem Zähneputzen essen und trinken?
Die diätetischen Säuren wirken unmittelbar auf die Zähne. Die Säure lässt unsere Zähne aufweichen und einzelne Mineralien lösen sich dadurch. Sofern die Zähne nicht unmittelbar nach dieser Art der Säurezufuhr geputzt werden, führt dies nur zu einer unsichtbaren Veränderung der Zahnoberfläche (Erosion), und sobald sich die Säure neutralisiert hat, können sich die Zähne selbst wieder durch den Speichel mineralisieren. Eine unmittelbare Zahnpflege nach der entsprechenden Säurezufuhr würde allerdings zu einem Verlust der Zahnhartsubstanz (Abrasion) führen. Alternativ zum Zähneputzen können Sie einen zahnfreundlichen Kaugummi mit dem «Zahnmännchen» verzehren oder sich den Mund mit Wasser oder einer Mundspüllösung ausspülen.

Durch Zähneputzen unmittelbar nach dem Verzehr von säurehaltigen Lebensmitteln verlieren wir Zahnsubstanz. Wie aber entsteht Karies?
Aufgrund der Säuren, welche aus dem Verzehr von zuckerhaltigen Lebensmitteln und Getränken gebildet werden, entsteht unter dem nicht entfernten Zahnbelag ein Loch im Zahn (Karies). Nach dem Verzehr von zuckerhaltigen Lebensmitteln ist es deshalb wichtig, sich gleich anschliessend die Zähne zu putzen – ein besonderes Augenmerk sollten Sie auf die Zahnflächen im Zahnzwischenraum halten.

Gibt es einen besonders guten Zeitpunkt für die Mundhygiene?
Aufgrund der beschriebenen Einflüsse ist es äusserst bedeutungsvoll, auf den richtigen Zeitpunkt der Reinigung zu achten und deshalb kurz vor dem Zähneputzen den Fokus auf zahnfreundliche Lebensmittel und Getränke zu richten. Am Morgen, direkt nach dem Aufstehen, ist allerdings der beste Zeitpunkt für die Zahnreinigung, welche garantiert ohne Schaden anzurichten erfolgt. Bei Kindern gilt es, zu beachten – aufgrund der nicht optimalen Gründlichkeit–, nach jeder Mahlzeit und Süssspeise die Zähne zu putzen.

Gibt es nebst Karies weitere Punkte, weshalb es sich lohnt, auf eine gute Mundgesundheit zu achten?
Ja, im Vergleich zu den Sechzigerjahren wurde Karies bei Kindern und jungen Erwachsenen erfreulicherweise um 95 Prozent reduziert. Im Erwachsenenalter gehen mehr Zähne infolge Zahnfleischerkrankungen (Parodontitis) verloren. Hier sind es nicht die in den Zahnbelägen produzierten Säuren, sondern die Abbauprodukte der Bakterien im Allgemeinen, welche einen Schaden am Zahnfleisch bewirken. Um diesen Erkrankungen vorzubeugen, schaffen eine gepflegte Mundhygiene sowie die minimal jährliche Zahnreinigung bei einer Dentalhygienikerin und Kontrolle bei einem Zahnarzt/einer Zahnärztin Abhilfe.

Besteht ein Zusammenhang mit der allgemeinen Gesundheit und der Mundgesundheit?
Ja, Patienten mit einer guten Zahngesundheit leben länger und haben ein deutlich kleineres Risiko, frühzeitig an einer Arterienverkalkung zu erkranken. Im Zusammenhang mit gesunden Arterien sind auch viele Erkrankungen in den meisten Organen sowie der Blutversorgung im Gehirn und am Herzen seltener. Umgekehrt verlaufen alle Entzündungen im menschlichen Körper in Anwesenheit einer Parodontitis ungünstig: Zwischen Parodontitis und Diabetes besteht ein Zusammenhang, indem die Progression beider Erkrankungen beschleunigt wird. Die parodontale Infektion erschwert die glykämische Einstellung des Diabetes und erhöht das Risiko diabetesassoziierter Komplikationen.

Welche Utensilien benötigt man, damit die Zähne strahlen?
Eine geeignete Zahnpasta und eine Zahnbürste. Die Zahnbürste ist aber bereits der grösste Risikofaktor, welcher an den Zähnen oder am Zahnfleisch – selbst beim richtigen Zeitpunkt – Schaden bewirken kann. Bisher waren vor allem die Handzahnbürsten Hauptverursacher für Schäden an Zahn (sensible Zahnhälse, Keildefekte) und Zahnfleisch (Rezessionen, Zahnfleischrückgang). Dies ist nicht auf die Borsten zurückzuführen, sondern auf den zu starken Druck (200 bis 600 Gramm), welcher auf die Zahnbürste ausgeübt wird. Speziell Patienten, welche besonders gründlich ihrer Mundpflege nachgehen möchten, neigen zu diesem Verhalten.

Um den Druck einzuschränken, ist die Verwendung einer hydrodynamischen Schallzahnbürste einen Versuch wert. Mit diesen Bürsten kann nur ein Druck zwischen 80 bis 120 Gramm auf den Zahn ausgeübt werden, da die Borsten sich vibrierend auf und ab bewegen. Der Anwender selbst hat – bis auf die Nutzung – keine Aufgabe mehr.

Und wie sieht es bei der Zahnpasta aus?
Die in der Schweiz erhältlichen Zahnpasten sind generell gut und jeweils mit einem Abrasionsgrad (RDA) gekennzeichnet. Die Werte legen fest, ob der Zahnhartsubstanzverlust durch die Zahnpasta gering, mittel oder stark erfolgt. Seit einigen Jahren gibt es eine Anzahl von Zahnpasten, welche den unterschiedlichen Präferenzen entsprechen. Aufgrund der grossen Fortschritte, welche im Bereich der Zahnpasten erzielt wurden, ist es wichtig, sich durch Fachleute – beispielsweise in der Apotheke – beraten zu lassen.

Was sollte bei der Anwendung von Interdentalbürstchen und Zahnseide beachtet werden?
Zahnseide muss gekonnt angewendet werden, und dazu gibt es leider keine geeigneten Hilfsmittel, ausser dem richtigen Einsatz von mindestens drei Fingern pro Hand. Die Anwendung muss sorgfältig geübt werden. Hilfe hierzu bietet beispielsweise Ihre Dentalhygienikerin an. Interdentalbürsten sind einfacher in ihrer Anwendung, jedoch muss man auch dabei auf die richtige Grösse und das Milieu im Mund, d. h. die vor der Reinigung verzehrten Lebensmittel, achten. Da nicht alle Zwischenräume gleich gross sind, benötigt man in der Regel unterschiedliche Bürstchengrössen. Ein Wasserjet kann ebenfalls hilfreich bei der Zahnreinigung der Zwischenräume sein. Leider gibt es auch hier grosse ualitative
Unterschiede. Mit hoher Geschwindigkeit sorgt ein Wasserstrahl dafür, dass der Biofilm (Plaque) im Zahnzwischenraum, ohne Schaden zu verursachen, entfernt wird. Die Interdentalbürsten sind in der Apotheke erhältlich, Schallzahnbürsten und Wasserjets können in der Regel dort bestellt werden. Auskünfte zur Anwendung und Grösse erhalten Sie beim Apothekenpersonal sowie bei zahnmedizinischen Fachpersonen.

Weshalb sollte ich meine Mundhygieneutensilien in der Apotheke anstelle des Supermarkts kaufen?
Im Detailhandel gibt es vielleicht viele Produkte etwas günstiger, aber es fehlt die persönliche Beratung. Bei den Mundhygieneprodukten kommt es speziell auf die individuelle Beratung sowie deren Anwendung an.

Viele wünschen sich weisse Zähne. Ist ein Bleaching «gesund» für meine Beisser?
Die richtigen Mittel schaden zumindest nicht. Benutzen Sie Bleachingmittel, welche Ihnen Ihr Zahnarzt, Ihre Dentalhygienikerin oder Apotheke empfiehlt und sehen Sie von Produkten aus dem Internet ab. Produkte, welche durch zahnmedizinische Fachpersonen empfohlen werden, sollten keine Gefahr darstellen.


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